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"Rain-Flug", das Doppelwort, das dieser Ausstellung ihren Titel gibt, kann als Lautgebilde unterschiedliche und jedenfalls komplexere Assoziationen wecken. Es kann den Fluß evozieren, an dessen Ufer wir uns befinden, oder den Feldrand. Es kann die Lineaturen umfassen, die wir liegend unter uns wahrnehmen, und die Linie, die wir pflügend selber ziehen. In jedem Fall umspielt das Wortspiel das Erlebnis der Grenze, im kleinen wie im großen, örtlich wie weitgreifend, äußerlich wie im inneren des Bewußtseins. Jedes Welterlebnis ist ja ein persönliches, inneres. Das Bewußtsein erst schafft die Welt, indem es das äußerlich Existierende, allgemeine zum persönlich-individuellen dessen, der es wahrnimmt, in eine Beziehung setzt, die willkürlich und gültig zugleich ist. Grenzen sind immer imaginär, real nur durch ihre Anerkennung. Sie existieren nur, weil es jenseits ihrer Linien weitergeht. Schon sie wahrzunehmen, bedeutet sie innerlich zu überschreiten. In unserer Gegend können wir, ohne uns von unserem Standpunkt zu entfernen, in drei der vier Himmelsrichtungen über den Rand unseres Landes hinausblicken. Und es ist ja nicht, wie auf den alten Tranchot-Karten, die Dini Thomsen ihrer Arbeit zugrundegelegt hat, jenseits des Grenzpfahls die Leere, das Nichts, sondern jede der alteingesessenen Familien weiß einen großen Teil ihrer Verwandtschaft seit alters her auf der anderen Seite. Im Zusammentreffen derjenigen, die zueinander gehören, verwischt sich die Trennungslinie. Und wenn sie sich in unserer Zeit wirklich geöffnet und abgebaut hat für alle, mag auch die Befremdung der Aversion sich auflösen. Auch das Böse gibt es ja nicht nur auf der einen Seite. Zu keiner Zeit wäre es so gewesen. Dini Thomsen mag dies alles umso bewußter sein, weil sie als Holländerin in Deutschland ihren Platz gefunden, ihre persönliche Welt eingerichtet hat.
Der Rain und der Rhein, die Wahrnehmung der Grenze im kleinen wie im großen. Pflügend zieht sie sich selbst und verschiebt sich von Furche zu Furche, die der Pflügende schreitend weiterführt, jährlich zweimal neu. Und der Fluß, auch er wirkt auf die Grenze ein, die er zieht. In weiten Zeiträumen, wie sie sich auf den Landkarten spurenhaft bezeugen, geht er mit ihr verändernd um, mit all seiner Macht und Kraft. Kaum vermögen wir, seine Bahn festzulegen. Aber mag es des Sprunges, mag es des Brückenschlages bedürfen, um Grenzlinien zu überqueren, die Erde die uns trägt, trägt auch den Zaun, der ihre Breiten teilt. Und sie läßt das Wasser, das dahin treibt, über ihren Leib strömen, querüber, ohne sich von den Gliedmaßen zu lösen, die jenseits der Nässe sich erstrecken. Immerhin ist ein Fluß eine wirklichere Grenze als ein Zaun. Ihn, als es unsere Brücke noch nicht gab, im kleinen Fährboot zu überqueren, gab das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Und gerade hier bei uns ist ja der Rhein in der größeren Zeitspanne unserer Geschichte Grenze gewesen, der Römer gegenüber den Germanen, der Franken gegenüber den Sachsen. Und wenn man in der Westregion manchmal zu hören bekommt, jenseits des Rheines liege Vorderasien, so ist der Kern dieses Scherzes doch das erinnerte Gefühl der Andersartigkeit.
Alles ist in unsere Hand gegeben. Und jede Straße die wir bauen, jeder Kanal den wir graben, jeder Zaun den wir setzen, verändert das Antlitz der Erde, spurenhaft für alle Zeit. Der Blick aus dem Flugzeug offenbart das Muster der Felder in seiner willkürlichen Gewachsenheit ebenso wie den ordnenden Eingriff planhafter Regulierungen. Erdnah gehend, würden wir uns dieser Unterschiede kaum bewußt.
Das ist es aber, was Dini Thomsen in den Bildern dieses Ensembles leistet: Bewußtmachung. Sie tut es auf unterschiedliche Weise und sie tut es behutsam - da wird nicht aufgespielt. In die Landkarten und Pläne, die sie zugrundelegt, malt und zeichnet sie nicht unmittelbar hinein, sondern ihre Hinzufügungen, Regulierungen, Akzentsetzungen sind auf eine darübergelegte transparente Folie aufgetragen. Es entsteht eine Schichtung, die durchlässig ist, auch in der Wahrnehmung des Betrachters. Eine Tiefendimension, die der Flächigkeit widerspricht. Meist flächig aufgetragen, betont ihre malerische Hinzufügung den Uferrand, den Schwund einer Verwerfung, die Isolation des Einzelfeldes, innerhalb des Musters seiner Umgebung. Das ist das Eine, das Bild als eines. Draußen entspricht dem die Bedeckung der Sockelsteine im Park mit schwarzen Pigmenten. Bei den Koppelbildern, den Diptypchen ist die Karte unberührt geblieben und der Gegenflügel ist malend mit einer einzigen Farbe modulierend, aber homogen bedeckt. Es entsteht eine dialektische Spannung zwischen der Kröpfung der Zentren in der Weite der Landkarte und der vermeintlich ungebrochenen Weite der ungegliederten Farbfläche, die sich dann doch ihrerseits als in eine beengende Eingrenzung gespannt erweist. Bilder aus mehr als zwei Einzelteilen variieren das Prinzip. In ihnen ist gelegentlich auch das erdhaft wachstumsgemäße Farbprogramm vom Schwarzgrau über warmgebrochenes Grün bis zu Ocker. Sonst ist, zumindest im Ensemble dieser Ausstellung, die Farbigkeit verhalten und den graphisch vorgegebenen Komponenten nah. Manche der Bilder finden sich zu Gruppen, auch inhaltlich sinnbezogen, manche bilden Paare, und der wechselnde Rhythmus von Vereinzelung, Abstand und Zusammenrückung ist eine andere, weitere Manifestation des Atems, aus dem diese Bilder ihr Leben haben. Immer ist die Topographie offengelegt: der Reichswald, die Flußaue, die Orte. Und neben Bildern, die den Längsverlauf des Rheins in den Blick genommen haben, finden sich solche, die das sich verändernde Querschnittprofil seines Bettes bewußt machen. Keine Landschaften im eigentlichen Sinne, aber Bilder der Landschaft als Bezeugung ihres Erlebens durch jemanden, der mit Bewußtheit in ihr lebt. Dini Thomsen läßt uns hier an diesem Erleben teilhaben. Vielleicht weckt sie uns zu größerer eigener Bewußtheit.

Franz Joseph van der Grinten

Aus welcher Idee heraus oder mit welchem Ziel ein Kunstwerk in der Vergangenheit auch gemacht wurde, immer bildete die uns umgebende visuelle Wirklichkeit die feste Grundlage des bildnerischen Ansatzes. Diese Zeit liegt inzwischen weit hinter uns. Die eigene Bedeutung der bildnerischen Mittel wie Farbe, Form, Linie, Ton, Struktur und Komposition ist schon lange erkannt und gehört zu den wertvollsten individuellen Ausdrucksmöglichkeiten eines zeitgenössischen Künstlers. Damit steht es ihm frei, einer naturalistischen Darstellungsweise treu zu bleiben, vollständig nonfigurativ zu arbeiten oder aber sich zur Äußerung einer Zwischenform zu bedienen. Zu den Künstlern, die sich mittels dieser Zwischenform ausdrücken, möchte ich Dini Thomsen zählen. Sie hat eine nach heutiger Auffassung typische klassische Ausbildung gehabt. In einer fortdauernden Konfrontation mit der im bildnerischen Sinne reich gefächerten visuellen Wirklichkeit hat sie ihren umfangreichen Vorrat an Verständnis, Kenntnis und Fertigkeit erworben, der die breite Basis für ihre weitere Entwicklung bildet.
Mit einem untersuchenden, kritischen Geist als innerer Triebfeder veränderte sich ihre Arbeit mehr und mehr in Richtung der Abstraktion, wobei eine persönliche Handschrift, ein poetischer Einschlag, eine Vereinfachung der Farbe und ein starkes Gefühl für Mystik und Symbolik wichtige Elemente sind.
Der Einzug in ein neues, helles, geräumiges Atelier hat zweifellos dazu geführt, dass ihre Arbeit nicht nur im Format, sondern auch im Gestus eine kraftvolle Erweiterung erfahren hat. Dini Thomsen hat sich freigemalt. Aus einem offenen Entwurf heraus arbeitet sie suchend, gespannt tastend und sorgfältig auswählend, bis der Moment gekommen ist, in dem das Werk, wie sie selbst sagt, "zu ihr gehört". Innerhalb der Struktur der stärker gewordenen, so persönlichen Handschrift scheinen immer wieder mehr oder weniger verdichtete Einheiten zu entstehen. Diese bilden die für ihre Arbeit so charakteristischen Formen, die man mit dramatisierten organischen Figuren und archaischen Zeichen assoziieren kann. Manchmal sind sie stark gebaut, manchmal eher angedeutet und bestehen aus wie durch ein unsichtbares Netz zusammengehaltenen Pinselstrichbündeln.
In ihren verhaltenen Erdfarben führt vor allem der Gebrauch der Farbe Weiß zu einer ungewöhnlichen räumlichen Spannung. Manchmal erfüllt es die Rolle des Lichts, dann wieder begrenzt es die Hauptform oder bildet gerade die Verbindung zum umgebenden Raum.
Zusammenfassend können wir sagen, dass die Arbeit von Dini Thomsen eine starke bildnerische Aussagekraft hat und von einem gereiften künstlerischen Bewußtsein zeugt.

Ad van Dijk, Docent an der Koninglijke Akademie Den Haag.
Die neuen Arbeiten von Dini Thomsen führen das von ihr nach der Wiederaufnahme ihrer Malerei Erreichte fort und legen Zeugnis von einer innerlichen Vertiefung ab. Der Neuanfang vor etwa zehn Jahren kristallisierte nach anfänglichem suchen schon bald einen eigenen Weg heraus, den zu gehen Dini Thomsen sich zur Aufgabe gemacht hat.
Die Isolation im Atelier, der innere Kampf um Bildinhalt und Ausdrucksform und der Weg nach außen, in die Öffentlichkeit bildeten die Etappen auf diesem Weg zur autonomen Künstlerschaft. Die Präsentation ihres Werkes im Städtischen Museum Haus Koekkoek ist ein weiterer Meilenstein, von dem wichtige Impulse ausgehen können.
Das Werk von Dini Thomsen gliedert sich in zwei divergierende Bereiche. Neben den monumentalen Leinwänden stehen die meist als Paare oder in Serien angelegten sehr viel kleinere Arbeiten auf Papier nicht anekdotisch, sondern elementar zeichenhaft. Die Anwendung der Malerei ist eine reine Handlung, deren Zweck in sich selbst enthalten ist und die zu archaisch anmutende Farbgebilden und Strukturen in gedämpfter Palette mit sehr persönlicher Handschrift führt. Quadrate, Dreiecke, mit dichten und transparenten Pinselstrichen offen gestaltet, verteilen sich auf die Bildfläche und stehen in einem manchmal rhythmischen Akkord zueinander.
Dini Thomsens Malerei sucht keine gefällige Schönheit, sie ist erden, elementar und mit einem Strang an die Wurzeln der irdischen Existenz verbunden. Reihungen und Konglomeration von Formen, die der Wirklichkeit entlehnt sind und z. B. an Bücher oder Seiten erinnern, sich nie gegliedert, sondern immer in einer offenen Beziehung zueinander platziert. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die Malweise. Die Künstlerin führt den Pinsel oft zögernd, fast vibrierend und stark zeichnerisch über den Malgrund. Farblich oft eingebettet und geholten von der Farbe Schwarz - als Untergrund, als Kontur oder als Rahmung - sind die Bilder nachdrücklich präsent, ohne vordergründig oder laut zu sein.
Die Präsentation im Haus Koekkoek, in der auch einige wenige frühe Arbeiten einbezogen sind, zeigt die Stabilität von Dini Thomsens Malerei, die in der Thematisierung ihrer selbst begründet ist.

Guido de Werd

Über die allmähliche Verfertigung von Malerei beim Malen laut Lexikon ist die "Malerei ein Zweig der Bildenden Kunst, der mit dem Mittel Farbe Gebilde auf Flächen schafft". An anderer Stelle wird die Malerei als Flächengestaltung mittels Farbe definiert (Lexikon der Bildenden Kunst, Leipzig 1975).
Zwei Definitionen, die zwar den Vorgang beschreiben, die aber nichts über die Art des Vorgangs, über Vorbereitung, Auslöser und über die Technik aussagen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor die Malerei immer stärker ihre ursprüngliche Funktion, ein Abbild der von uns umgebenden Welt zu schaffen. Untersuchungen über Farbe und Form gewannen zunehmend an Bedeutung und auch die Materialien wie Bildträger und Farbe wurden wichtig. Eine größere Bedeutung erhielt der Malakt, das Aufbringen der Farbe auf dem Bildträger. Von präzise, kalkuliert und mathematisch berechnet bis hin zu heftig, spontan und schnell spannte und spannt sich der Aktionsbogen.
Neben vielen anderen Themen, wie beispielsweise die Materialität der Farbe, blieb die sichtbare Welt eines der Hauptthemen in der Malerei. Mit den ihm eigenen Mitteln und einer persönlichen Handschrift schafft/gestaltet der Künstler sich sein Bild von der Welt. "Wenn ich schreiben könnte, wenn mir die Worte zur Verfügung ständen, wäre ich Schriftstellerin geworden, so bin ich Malerin." (Dini Thomsen)
Dini Thomsen malt vorwiegend ungegenständlich. Aus Strukturen und mit einer auf Grau, Schwarz, Dunkelrot und Blau reduzierten Farbskala entstehen Bilder, die ihren Ursprung in der realen Welt haben. Landschaften, Menschen, Tiere und Gegenstände sind Auslöser, bilden mit ihrer formalen Präsenz den Ausgangspunkt. Immer wird die Imagination des Betrachters angesprochen.
Dini Thomsen gibt nur vor, sie beschreibt vage und läßt dem Rezipienten viel Freiheit in der Interpretation des Dargestellten. Nur manchmal gibt sie in ihren Titeln Hinweise auf den Bildinhalt wie bei den beiden Blättern: "Geschriebene Gestalten", einer zweiteiligen Arbeit aus dem Jahre 1993. Auf weiß-grauem Grund sind hier mit gestischen Pinselstrichen Formen gesetzt, die an menschliche Gestalten erinnern. Mit weiteren Linien aus kurzen knappen Pinselstrichen ist der Umriß ausgefüllt, manchmal nahezu vollständig, häufiger aber bleibt der Untergrund, der Bildträger, zwischen den Pinselstrichen sichtbar. Die Darstellung, auf zwei Blättern verteilt, kann wie eine Geschichte gelesen werden, die im linken Teil beginnt und im rechten Teil endet. Auch der Farbwechsel von Grau-weiß auf der linken Seite zu Weiß auf dem rechten Blatt könnte sich so deuten lassen. Andere Arbeiten dagegen haben weniger sprechende Titel und lassen auch in der Deutung weitaus mehr Möglichkeiten zu. Beispielsweise das Blatt "Quadrat 1" aus der Folge von mehreren Arbeiten. Hier wurde als Bildträger ein mittelschwerer Karton gewählt, der mit einer dichten Reihe von Pinselstrichen in Weiß, Grau, Braunrot, Schwarz und Orange bedeckt wurde. Die Farben überlagern sich, verdecken sich dabei an einigen Stellen, lassen dagegen an anderen Stellen, besonders im Randgebiet den Malgrund frei. Zusätzlich wurde Papier aufgeklebt. Es sind Reste, besser gesagt Überreste von früheren Arbeiten, mit denen die Künstlerin nicht mehr zufrieden war und diese zerriß. Der unregelmäßige Umriß der Papiere wurde aufgegriffen und mit Pinselstrichen nachgezogen oder übermalt. Durch den Gebrauch von Gouachefarben erhält der Pinselstrich eine zusätzliche Strukturierung, die vom Duktus unterstrichen wird. Meist wird die Farbe zu den Rändern des Striches hin dunkler und dicker und damit intensiver in der Leuchtkraft, dagegen ist die Mitte des Striches oft nur wie ein dünner Farbfilm und die Farbe verblaßt zu einem Hauch.
Bei der Betrachtung bilden sich Assoziationen zu Sommergärten, aber auch Blumenarrangements, Spielbretter und Bücherwände könnten hier festgehalten sein. Die neuesten Arbeiten von 1994 greifen das Thema "Mensch" besonders häufig auf. Eine Hand zur Faust geballt und ein Kopf stehen hier jeweils stellvertretend für den ganzen Menschen. Das Buch von Birger Sellin "Ich will kein Inmich mehr sein", war Anlaß und Auslöser zu einer Reihe von Blättern, in deren Zentrum jeweils ein Kopf steht, der fast das gesamte Bildfeld ausfüllt.
Durch kurze kräftige Pinselstriche hebt er sich holzschnittartig vom Untergrund ab. Bei einigen Blättern ist zusätzlich das Bildfeld mit einem Rahmen aus breiten schwarzen Strichen abgeschlossen. Er ist als Hinweis auf den Autor zu sehen, der in einer abgeschlossenen Welt lebt, in der eigene Regeln und Gesetze herrschen. Auffallend ist bei den letzten Arbeiten die Verwendung der Farbe Schwarz. Sie dient zur Definierung des Gegenstandes, ist bei vielen Arbeiten Hintergrund und steht als Akzentuierung im Bildraum.
"Schwarz ist für mich die wichtigste Farbe überhaupt. Manchmal versuche ich nur mit anderen Farben zu malen, verstecke sogar den schwarzen Farbtopf, aber es geht nicht. Ich brauch das Schwarz im Bildraum, um das Bild selbst festzumachen, um das Bild sozusagen daran zu hindern, zu schweben." (Dini Thomsen)

Karin Thönnissen

Dini Thomsen bringt den vorgefundenen Dingen eine große Ehrfurcht entgegen, scheint von frei vorgefundenen Ver- und Gebotstafeln beherrscht. Von Ferne betrachtet wirken die Papptafeln zerstört, entweder durch Abrieb beim Lesen oder durch Schimmel. Beim Näherkommen erkennt man, dass die Malerin mittels sensibler Farbbeobachtung am Gefundenen Farbe gemischt und im expressiv psychosomatischen Malduktus die Anweisungen damit überdeckt hat - besiegt die Kunst die herrschenden Gebote?
Ähnlich geht sie bei der dreiseitigen Rauminstallation im Obergeschoß vor; aus dem angetroffenen Chaos sammelt sie Fundstücke, Karteikarten, und komponiert sie zu einem künstlerischen Raumbild. Bei aller Emotion und Assoziation - hinter jeder Karte verbirgt sich ein Geschehen und Schicksal - sucht sie nach einer Ordnungsform, die ihr im Kreuz des Fensters begegnet.
Diese gleichermaßen als Herrschafts- und als Opfersymbol ge- und missbrauchte Form macht sie zum subjektiven Ausdrucksträger. Zugleich verändert sich diese durch Klang erweiterte Örtlichkeit zur abstrakten Meditationsstätte.

Hans Günter Golinski
In Dini Thomsens Bildern treten Statik und Dynamik in ein wechselseitiges Spannungsverhältnis, das durch den graphischen all over-Charakter und der Betonung der Senkrechten und Waagerechten ausgelöst wird. Dieses Spannungsmoment, für dessen Gestaltung die Auseinandersetzung mit Mythologie und Religion bestimmende Bedeutung hat, wird zusätzlich durch die verhaltene und doch kontrastierende Farbigkeit unterstrichen. Die vorwiegende Verwendung von Braun, Rot und Rosa mit Schwarz und Weiß gibt vielen Arbeiten etwas Erdhaftes und Trockenes, das dem zurückhaltenden, sensiblen Charakter der Künstlerin entspricht.
Bim notwendigerweise längeren Einsehen in die Bilder schölen sich häufig Motive wie Figuren und Kreuze heraus, die in den frühen gegenständlichen Arbeiten von großer Wichtigkeit waren und in verschlüsselter Form auch heute noch in die netzartige Bildstruktur eingearbeitet werden.
Während der Zeit der konservativen Akademieausbildung in Leiden entstand hauptsächlich Gegenständliches, über dessen abbildenden Charakter sich Thomsen schon früh hinwegsetzte. Immer mehr kündigen sich Fragestellungen an, wie sie die Künstlerin bis heute beschäftigen, vor allem nach der kte aus der Wirklichkeit in das Bild übersetzt werden können, und in zunehmendem Maße ist es die Malerin selbst, die sich mit ihrer Erregung, Aggression und Bewegtheit zwischen die gesehene Realität und ihre Abbildung stellt. In spontaner Gestik und vom Gefühl geleitet bringt Dini Thomsen die Farbe in zarten oder kräftigen Pinselstrichen auf das Papier, wobei sich häufig mehrere Schichten überlagern. Immer wieder zerstört Thomsen durch Reißen und Kratzen oder durch Übermalen der schnell trocknenden Acrylfarbe schon Entstandenes bis sie in diesem Wechsel von Destruktion und Konstruktion ihr Bild findet.

Rita Kersting